Montag, 25. Oktober 2010
Spieletest "A New Beginning"
Daedalic hat's bestimmt nicht leicht. "Edna bricht aus" war ein spektakulärer Erstling und "The Whispered World" wurde vielerorts kurzerhand als das beste Adventure der letzten Jahre gehandelt und in alle Himmel gelobt. Klar, dass alle Hoffnungen nun auf dem neuesten Werk namens "A New Beginning" (nachfolgend kurz ANB genannt) ruhen. Die alten Stärken wie z.b. die wunderschön gezeichnete Comicgrafik sollten beibehalten und ausgebaut werden, um auch aus ANB eine weitere erfolgsgekrönte Marke zu schaffen. Aber ist dieses Vorhaben wirklich gelungen?

Ein neuer Anfang
Das Szenario ist aus Hollywood bereits bestens bekannt: die Welt mitsamt ihrer Bevölkerung steht vor dem Abgrund und ist dem Untergang geweiht, hervorgerufen durch den prophezeihten Klimawandel. Als wir die Funkerin Fay, unseren Hauptcharakter, erstmals kennenlernen ist die Katastrophe für sie und ihr Team jedoch bereits Vergangenheit - und das obwohl sie sich in der Gegenwart befindet. Wie das?

Zusammen mit ihrem Team aus Wissenschaftlern hat Fay die Katastrophe überlebt und haust in der zerstörten Zukunft in unterirdischen Bunkern. Um diese Misère abzuwenden, raffen sich die Damen und Herren auf, in ihren Zeitkapseln in die Vergangenheit zu reisen um die Menschheit auf ihre Fehler aufmerksam zu machen und den Klimawandel zu verhindern. Somit landet die junge Dame auf Unwegen bei Professor Bent Svensson, unserem zweiten Hauptdarsteller in diesem düsteren Zukunftsdrama. Dieser glaubt der Zukunftsfunkerin natürlich kein Wort, weshalb es erst einmal gilt, diesen zu überzeugen und für die eigene Sache zu gewinnen.
Ob die Katastrophe letztendlich doch noch stattfindet oder nicht, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten und soll von jedem selbst herausgefunden werden. Wenn man denn will, denn der Weg zur Erleuchtung ist lang, beschwerlich und nicht immer kurzweilig.

Gameplay & Steuerung
Als typisches Point & Click Adventure steuert sich ANB gewohnt bequem per Maus, während die Tastatur lediglich für die Hotspotanzeige verwendet werden muss. Beim Druck auf die Leertaste werden verwendbare Objekte grafisch hervorgehoben, womit lästiges Suchen entfällt. Weitere Rätselhilfen gibts nicht. Kein Tagebuch, keine stufenweise zuschaltbaren Tipps und leider ist auch seitens der Charaktere keinerlei Hilfe zu erwarten. Versucht man Gegenstände wahllos miteinander zu kombinieren, erklingen immer die gleichen Sätze wie "Nein!" "So nicht" oder das geliebte "Das geht nicht". Hilfreiche Kommentare sind sicherlich etwas anderes, wären aber durchaus gerne gesehen, da die Rätsel nicht immer allzu logisch aufgebaut sind. Oder wie um alles in der Welt soll man per menschlicher Logik darauf kommen, dass eine Alge am meisten Energie produziert, wenn sie genügend Licht erhält, da man diese Information nie zugesteckt bekommt? Solche Beispiele finden sich im gesamten Spielverlauf, weshalb die Rätsel nicht selten mit Trial & Error verbunden sind.
Hinzu gesellen sich "Inventarrätsel" welche man auch nur mit blossem probieren lösen kann: manche Gegenstände können im Inventar näher betrachtet, verbogen, zerbrochen oder geöffnet werden. Da dies jedoch nur auf einen Bruchteil der Objekte zutrifft, untersucht man nicht automatisch jeden Gegenstand auf diese Weise, weshalb man oftmals nur mit Glück darauf stösst - oder wenn man partout nicht weiter weiss und einfach wild drauf los probiert. Wie bereits gesagt: die fehlende Hilfestellung verbockt hier so einiges.

So einfach die Steuerung auch sein mag, so träge ist sie oftmals. Wer ein Objekt mit der linken Maustaste anwählt und länger auf der Taste verbleibt, öffnet dadurch das Kontextmenü, welches zwiwschen einer und vier verschiedenen Aktionen zulässt - je nach Objekt. Wer aus versehen jedoch ein bereits bekanntes Objekt auf diese Weise anwählt, muss das Kontextmenü erst mühsam wieder mit der rechten Maustaste schliessen - und leider geschieht dies öfters als dem Spieler lieb ist, da Gegenstände manchmal recht nah beieinander liegen und man erst durch mühselige Pixelfummelei den richtigen anwählen muss. Leider hilft hier auch die Hotspotanzeige nicht wirklich weiter, da die Hotspots auch gern mal einen Zentimeter weit daneben liegen... Daedalic was habt ihr hier bloss getan? Solche Unzulänglichkeiten gabs weder mit Edna noch mit Sadwick - irgendwas muss hier also furchtbar schief gelaufen sein.

Letzter negativer Punkt in Sachen Steuerung ist die Gemächlichkeit der Hauptfiguren. Die Welt droht zwar komplett unterzugehen und Milliarden von Menschen werden sterben - jedoch besteht scheinbar kein Grund zur Hektik. Mit der Geschwindigkeit einer Galapagosschildkröte bewegt man sich hier durch die Hintergründe und muss oftmals Animationen über sich ergehen lassen welche sich nicht abbrechen lassen. Besonders nervenaufreibend kann das sein, wenn sich der Hintergrund über mehrere Bildschirme erstreckt welche erst durchscrollt werden müssen. Da vergehen auch gerne mal 1-2 Minuten bis man dort angelangt ist wo man eigentlich hin möchte. Es ist also sehr viel Geduld gefragt, da sich lediglich Szenenübergänge per Doppelklick abkürzen lassen. Ungewollt komisch wird es auch, wenn der Charakter um ein Objekt herumlaufen muss ohne dabei den Blick vom Ziel abzuwenden. Scheinbar hatte nicht nur Michael Jackson den Moonwalk drauf, so perfekt wie er hier teilweise kopiert wird!

Fehlende Musik und schlechte Sprecher
Nein, ein Adventure muss nicht zwingend in jeder Sekunde musikalisch untermalt werden. Jedoch hat die Vergangenheit gezeigt, dass es zumeist sehr zur Atmosphäre beitragen kann. In ANB fällt die Musik meist weg und man hört bloss Hintergrundgeräusche wie Wind, Wasserrauschen, oder ähnliches. Der ansich gelungene Score kommt nur in tragenden Momenten oder in Zwischensequenzen zum Einsatz - sehr schade. "The Whispered World" hatte doch bereits eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig schön eingespielte Hintergrundmusik sein kann.

Auch bei den Sprechern hat man sich - im Gegensatz zu "The Whispered World" - zu viele Schnitzer geleistet. Dass die meisten Sprecher keine Profis mit Jahrelanger Erfahrung sind, wäre zu verschmerzen, das war bereits in vielen anderen Adventures nicht anders. Aber müssen deshalb Stimmen unpassend besetzt oder schlecht gesprochen werden? Vor allem Nebencharaktere fallen oftmals durch komplett unpassende Sprecher oder emotionslos runtergelesene Sätze auf. Als schönes Negativbeispiel sei hier ein aufgebrachter Mob genannt, der formschön eine Demonstration abhält. Selbst wenn Fay die Meute per Megafon aufhetzt, erschallt bloss ein müder Ruf von 3-4 emotionslosen, gelangweilten Stimmen. Wo ist die Lautstärke? Die Wut? Das Volumen? Komplette Fehlanzeige. Da ist es nicht verwunderlich, dass das Spiel an der komplett fehlenden Atmosphäre krankt - doch dazu später mehr.
Kommen wir erstmal zu einem Punkt der einmal mehr fast fehlerfrei daher kommt:

Grafik
Wenn die Jungs von Daedalic eines können, dann sicherlich, ihre Spiele in ein grafisch ansprechendes Gewand zu packen.
Abgesehen von den bereits erwähnten Moonwalk-Fehlern bietet die Optik einmal mehr keine Schnitzer und wartet mit vielen Details auf, die oftmals sogar hübsch animiert wurden. Die Comictechnik kann hier also erneut ihre Stärken ausspielen, nicht zuletzt weil das Spiel auch auf älteren Rechnern noch gut läuft.
Getrübt wird die Freude durch schwarze Bildschirme bei Szenewechseln (Ladezeiten) sowie einem Ruckeln welches gerne mal 3-4 Sekunden andauert, weil im Hintergrund noch die Animationen nachgeladen werden. Und das, obwohl "The Whispered World" im Allgemeinen noch viel detaillierter und schöner aussah. Also auch hier steckt irgendwo der Wurm drin.
Nicht zuletzt wird hier, beim "realistischen" Zeichenstil erstmals die grösste Schwäche der Engine erkennbar: sie kann kein AntiAliasing. So werden v.a. die Charaktere gerne mit unschönen Treppeneffekten versehen, sofern diese nicht direkt am vorderen Bildrand positioniert sind.
Ob das den Spielspass trübt sei dahingestellt, Fakt ist, dass es den positiven grafischen Gesamteindruck deutlich schmälert.

Atmosphäre
"The Whispered World" hatte eines gezeigt: Adventures können eine unglaublich intensive und dichte Atmosphäre aufbauen, in welcher man beim Spielen regelrecht versinken kann. Ähnliches hatte ich mir nun natürlich von ANB erhofft - leider vergeblich. "A New Beginning" besitzt NULL Atmosphäre, rein gar nichts, nicht ein einziges Quäntchen. Die gesamte Weltbevölkerung ist dem Untergang geweiht und das für Spiele noch neue Thema des Klimawandels könnte perfekt umgesetzt werden, würde man ein wenig auf die Tränendrüse drücken und an die eigenen Schuldgefühle der Spieler appellieren. Doch nichts von alle dem geschieht. Die Charaktere bleiben durchweg blass und eindimensional, lassen keine Emotionen aufblitzen und besitzen nichtmals Eigenschaften wie oben genannte Schuldgefühle, Reue oder angebrachte Verzweiflung. Einzig Bent Svensson sticht hier ein klein wenig heraus, dank seiner trockenen und zynischen Art. Er ist der einzige Charakter dem man seine Rolle abkauft - man glaubt ihm dass ihm alles egal geworden ist seit er seine Arbeit und damit die komplette Forschung verloren hat. Jedoch kann er alleine das Spiel auch nicht retten, da man zumeist mit Fay und ihren Mitstreitern beschäftigt ist, wovon fast jeder gepflegt langweilt und es nichtmal ansatzweise schafft, dass der Spieler vor dem Bildschirm mitfiebert. Auch hier ist also ein klarer Rückschritt zu "The Whispered World" zu verzeichnen. Schade.


Pro
- Für Spiele unverbrauchtes Thema
- Bent Svensson als unterhaltsamer Charakter
- Wechselspiel aus düsterer Zukunft und Gegenwart
- Gelungene Aufmachung im Stil eines Comics

Contra
- Eindimensionale, blasse, langweilige und emotionslose Charaktere
- einige unprofessionelle, schlecht gewählte Sprecher
- zu gemächliche Gangart der Charaktere
- oftmals umständliche Bedienung durch Kontextmenü
- unlogische Rätsel
- ..die komplett ohne Hilfe gelöst werden müssen
- komplett fehlende Atmosphäre, trotz tollem Szenario und hübscher Aufmachung


Fazit
"A New Beginning" macht im grunde fast alles schlechter als das absolut phantastische "The Whispered World". Dank des realistischeren Stils sowie Szenarios fällt das fehlende AntiAliasing viel stärker ins Gewicht, die Sprecher wurden unglücklich ausgesucht, das Rätseldesign lässt durch die fehlende Logik zu wünschen übrig und die Nerven ungeduldiger Spieler werden zu oft zu sehr strapaziert, da sich Animationen und Laufwege bis auf wenige Ausnahmen nicht abkürzen lassen. "The Whispered World" hat trotz gleicher Technik hier klar die Nase vor, dank kürzerer Laufwege und Bildschirmen die nicht unendlich lange scrollen müssen - so schön die Grafik letztendlich auch in beiden Titeln sein mag.
Ebenfalls lässt das Spiel den gelungenen Humor der beiden Erstlingswerke vermissen und auch auf eine tolle musikalische Untermalung wurde grösstenteils verzichtet, weshalb im Endeffekt auch keine Atmosphäre aufkommen kann, die man schmerzlich vermisst, da man sich auf diese Weise fast das ganze Spiel über etwas langweilt.
Wer alle anderen aktuellen Adventures kennt und vom Szenario angetan ist, kann gerne einen Blick riskieren. Wer jedoch auf der Suche nach einem wirklich spannenden und beklemmenden Spiel ist, wird mit "Black Mirror 2", "Geheimakte Tunguska" oder gar den älteren "Baphomet's Fluch"-Titeln besser beraten sein - wer hingegen ein humorvolles Comicadvanture sucht, greift ohne zu zögern zu "The Whispered World" oder "Edna bricht aus", da diese fast in allen Punkten überlegen sind. "A New Beginning" ist im Endeffekt weder Fisch noch Vogel, weder ein spannendes Adventure mit düsterem Szenario noch ein humorvolles Comicadvanture. Es versinkt leider im Mittelmass und lässt uns mit der Hoffnung zurück, dass sich Daedalic beim nächsten Mal wieder auf gewohnte Stärken stützt.


Grafik: 81%
Sound: 70%
Steuerung: 83%
Rätsel: 68%
Atmosphäre: 50%
Gesamtwertung: 55%



Donnerstag, 2. September 2010
Wenn die Technik versagt - Teil 2
Heute Morgen war es mal wieder so weit: die allseits geliebte Technik in Form eines Computers brachte mich an den Rand des Wahnsinns. Scheinbar ist es schlicht unmöglich, einen einzelnen Arbeitstag ohne jegliche Probleme oder Hürden hinter sich zu bringen - und ohne dass man sich von einer höheren Macht gehörig verarscht fühlt.

Der Tag begann wie jeder andere: 8 Uhr, Verzollungscomputer einschalten, eingehende Ware aus London verzollen. So weit so gut.
Gegen 10 Uhr klingelt das Telefon, der Kollege aus dem Genfer Büro dran, der sich beschwert, er habe keine einzige Verzollung erhalten [Anm.: mein Chef verzollt morgendlich die Ware von Zürich aus für unser Büro in Genf, da diese über kein Verzollungssystem verfügen]. Nachdem ich einen Blick auf die Arbeit meines Chefs geworfen hatte, war der Fall dann auch klar: anstatt dass er alles auf die Genfer Zollstelle deklariert hatte, war jedes einzelne Papier mit "Flughafen Zürich" beschriftet. Toll.
Somit hiess es für mich: jede einzelne Deklaration annullieren und komplett neu für den Genfer Zoll ausstellen. Sofern alles in gewohnten Bahnen läuft, frisst dies rund unnötige 30-45 Minuten an Zeit. Doch hier liegt auch das Problem: rund lief dabei gar nichts!

Nach gut 30 Minuten waren die falschen Verzollungen neu erstellt worden und bereit zum übermitteln. Gesagt, getan. Doch anstatt die Papiere auszuspucken, erhielt ich lediglich hübsche Fehlermeldungen von wegen "falsche Version der Übermittelten Einfuhrzollanmeldung" - coole Sache! Also den Temp-Ordner untersuchen, fehlerhafte Dateien löschen, neuer Versuch -> Fehlermeldungen. Computer neu booten, fehlerhafte Dateien aus dem Temp löschen, nochmals versuchen und endlich die Deklarationen erhalten. Alle? Nein, nicht ganz! Eine kleine Verzollung weigerte sich gehörig von mir gesendet und ausgedruckt zu werden und ich erhielt immer die selbe Fehlermeldung. Also erneut rumgewerkelt und versucht um dann den Druckauftrag nochmals zu erteilen. mit Erfolg? Ja, der Drucker fängt an zu rumoren, zieht Papier und druckt... und druckt... und druckt... und druckt... Anstatt diese einzelne vermaledeite Deklaration auszuspucken, haut er alles nochmals raus was ich zuvor verzollt hab. Und zwar in doppelter Ausführung. Zig Blatt Papier für die Katz. Yaaaay! .. und ganz zum Schluss selbstverständlich die Fehlermeldung für die ausstehende Deklaration.

Nun hiess es handeln. Ich griff zum Telefon und rief die Softwarefirma an die für den Support unseres Verzollungssystems verantwortlich ist und hab geflucht, geschrieen, geheult und um Hilfe gebettelt. Der freundliche Mitarbeiter loggt sich kurzerhand in unser System ein, gibt dort genau die selben Befehle wie ich sie auch schon gegeben hab, erteilt den Druckauftrag und macht alles genau so wie ich es die vergangene Stunde tat - und die Deklaration wird ohne Murren ausgedruckt. Auftrag erledigt, Bumi verarscht. So schön kann arbeiten sein.



Donnerstag, 26. August 2010
Spieletest "Lost Horizon"
Fürwahr, das deutsche Designstudio "Animation Arts" hat sich in den vergangenen Jahren durchaus einen Namen gemacht, vor allem dank ihrem Vorzeigetitel "Geheimakte Tunguska"

So langsam wird es jedoch an der Zeit, dass "Animation Arts" anstatt einem weiteren Geheimakte-Ableger ein neues Projekt angeht, um vielleicht das Abenteuerpäärchen Nina und Max endlich vom Thron zu stossen. Mit dem neuen Titel "Lost Horizon" soll dies Vorhaben nun gelingen. Aber hat der neue Held wirklich das Zeug zum Superstar?

Story
Hong Kong im Jahre 1938. Damals noch eine britische Kolonie die sich zum einen mit Triadenkonflikten und zum anderen mit den Nazis beschäftigen muss, beherbergt unter anderem den Protagonisten von "Lost Horizon": ein britischer Ex-Militär namens Fenton Paddock. Dieser wurde aufgrund eines tragischen Unfalls unehrenhaft aus der Armee entlassen und verdient sich seitdem seine Brötchen als Luftkurier indem er Pakete mit seiner Ford Propellermaschine in fremde Länder exportiert. Zum Leid der örtlichen Triade betreibt Paddock dieses Geschäft aber nicht nur auf legalem Wege und kommt so den Chinesen das eine oder andere Mal in die Quere, woraufhin sie den Charmebolzen sogleich in einer Kiste auf dem Grund des Meeres verschwinden lassen wollen. Natürlich gelingt ihm die Flucht aus seinem nassen Grab und wird daraufhin zu seinem ehemaligen Boss gerufen, der einen Auftrag für ihn hat: sein Sohn verschwand bei einer Expedition in Tibet und Paddock soll ihn ausfindig machen - schliesslich handelt es sich dabei um seinen besten Freund. Da der britische Gouverneur ihm die Hilfe im Triadenkonflikt anbietet, willigt unser Held ein und die Reise kann beginnen - auf nach Tibet und auf in ein Abenteuer, welches streckenweise an die guten alten Klassiker von Indiana Jones erinnert.

Fenton Paddock besucht in "Lost Horizon" nicht nur diverse Länder auf 3 verschiedenen Kontinenten, sondern ist dabei auch dem Thule-Kult der Nazis und einem sagenumwobenen Geheimnis auf der Spur - ganz im Stil von Dr. Jones als dieser das Geheimnis von Atlantis lüftet oder dem heiligen Gral nachjagt.
Man denke sich einfach eine Peitsche und den Schlapphut hinzu und schon hat man einen etwas jüngeren und dynamischeren Hobby-Archäologen.

Leider kommt unser Held anders als in den LucasArts-Titeln nicht immer ganz so spritzig daher wie man es erwarten könnte. Er besitzt zwar viel Charme den er gern einmal einsetzt und hat auch den einen oder anderen flotten Spruch auf Lager wenn er nicht gerade die Fäuste für sich reden lässt - und dennoch mangelt es ihm an der Originalität welche der pixelige Harrison Ford für sich beansprucht hatte. Näheres dazu jedoch später.

Gameplay
Als klassisches Point & Click Adventure spielt sich "Lost Horizon" wie man es erwarten würde. Oder kurz gesagt, es spielt sich genau so wie die "Geheimakte"-Titel: Das Inventar ist stets am unteren Bildschirmrand eingeblendet, per einfachem Linksklick lassen sich Objekte aufheben und kombinieren, die rechte Taste dient der näheren Betrachtung und dem Abbruch von Gesprächen oder Zwischensequenzen. Per Mausbewegung navigiert man den Cursor an die gewünschte Stelle und schickt Paddock per einfachem Mausklick dort hin. Praktisch dabei ist, dass die Spielfiguren bei weiter entfernten Objekten automatisch zu laufen beginnen, um die Strecke schneller hinter sich zu bringen. Spielfiguren? Ja, richtig gelesen: im Laufe des Abenteuers wird man nicht nur dem jungen Briten Befehle erteilen können, sondern auch seiner weiblichen begleiterin sowie einem weiteren, aus spoilergründen nicht genannten Charakter. Auswirkungen auf das Gameplay hat dies jedoch selten, abgesehen davon dass sich manchmal Gegenstände von einem Charakter zum anderen schieben lassen, damit der andere damit was tolles anzustellen vermag. Leider hat man aus dieser Grundidee viel zu wenig rausgeholt, so dass es immer der selbe Ablauf bleibt: Person A sammelt Gegenstand ein und übergibt diesen Person B, damit Person B sich aus ihrer Situation befreien kann. Ein grossartiges Hin und Her wie beispielsweise in "Geheimakte Tunguska", wo Max Nina aus ihrem Gefängnis befreien muss, gibt es nicht. Keine komplexen langen Rätselketten, keine weitreichenden Kopfnüsse, nichts dergleichen. Sehr schade.

Diese "Designpatzer" schlagen sich letztendlich natürlich auch auf das Rätseldesign nieder und wer es bereits vermutet hat wird hiermit Bestätigung erfahren: "Lost Horizon" ist für erfahrene Abenteurer viel zu einfach. 90% der benötigten Utensilien lassen sich einfach so einsammeln und dann gilt es nur noch, diese im Inventar miteinander zu verbinden. Oftmals ist dabei auch keine längere Denkphase nötig, da man durch wahlloses durchprobieren ebenso oder manchmal gar schneller zum Ziel kommt, denn in manchen Fällen ist auch gar nicht so richtig klar, was als nächstes zu tun ist, bzw. was man mit den eingesammelten Gegenständen anfangen soll. Die einsetzbare Rätselhilfe wurde gegenüber "Geheimakte 2" deutlich entschlackt und in "Lost Horizon" sagt uns nur noch eine Erzählstimme, welche Aufgabe als nächstes vor Fenton liegt - ohne jedoch ein wenig detaillierter auf eine Teilaufgabe oder gar einen Lösungsweg einzugehen. Für Frust sorgt dies jedoch auch bei Anfängern selten, da man mit ein wenig Geduld und herumprobieren bald auf den richtigen Ansatz stossen wird.
Das Rätseldesign indes gibt sich klassisch: Objekt- und Inventarrätsel haben Vorrang, vor 1-2 eingestreuten, einfachen Schiebepuzzles die kein Vergleich zu den Hürden darstellen wie sie uns beispielsweise in "Black Mirror 2" oder "Nibiru" in den Weg gelegt wurden. Ausserdem darf man jedes mal frei wählen, ob man sich lieber an der einfachen oder an der schwereren Variante versuchen möchte, wobei die schwerere oftmals nicht wirklich eine spürbar grössere Herausforderung darstellt.
Glücklicherweise wurde auf simple Dialogrätsel oder Designfallen wie das "Runaway-Syndrom" verzichtet, bei dem sich Objekte erst dann aufheben liessen nachdem sich der Protagonist sicher war, dass er sie auch wirklich braucht. Somit bleiben die Rätsel trotz ihrer Einfachheit zumeist logisch, fair, nachvollzieh- und vor allem lösbar.

Sound
Einmal mehr hat sich "Animation Arts" mächtig ins Zeug gelegt um bei der Vertonung sowie der Synchronisation von "Lost Horizon" so richtig zu punkten. Fast jede Stimme die man zu hören bekommt, kennt man aus Film und Fernsehen und so wurde beispielsweise der deutsche Sprecher von Ewan McGregor dazu verpflichtet, den über 86'000 Worten Leben einzuhauchen. Eine wahrlich beeindruckende Zahl, die zuweilen gar erdrückend sein kann. In den eingestreuten Cutscenes oder auch in anderen Dialogsituationen kann ein Gespräch schon mal sehr ausufernd werden und mehrere Minuten in Anspruch nehmen. Wer seine Boxen genügend laut aufdreht, kann in dieser Zeit gemächlich auf die Toilette gehn und sich in der Küche einen frischen Kaffee aufbrühen - rein optisch verpasst man dabei nie etwas. Unglücklicherweise schaffen es die Gespräche dabei nicht immer, die Spannung der Geschichte aufrechtzuerhalten. Wer sich also nicht voll und ganz mit der Thematik von Thule-Kult & Co. identifizieren kann, wird wohl auch versucht sein, den einen oder anderen Satz per Mausklick abzukürzen, da auch gerne mal eine bereits gehörte/gesehene Information wiederholt wird. Praktisch für jene die beim Genuss eines Adventures gerne Pausen einlegen, eher unvorteilhaft für alle die von solchen Spielen nicht genug kriegen können. Nichts desto Trotz sind die Dialoge durchs Band weg hervorragend vertont und reihen sich hier zu Konkurrenztiteln wie "The Book of Unwritten Tales" an der Genrespitze ein.

Musikalisch wird abgesehen von den Zwischensequenzen meistens nicht allzu viel geboten, was allerdings nie störend ins Gewicht fällt. Umgebungsgeräusche, Wettereffekte usw. sind gewohnter Genrestandard und weder etwas besonderes noch ein Tiefschlag.

Grafik
Der Zahn der Zeit ist niemals aufzuhalten und er nagt ununterbrochen an allem was mit Technik zu tun hat - in diesem Falle betrifft das auch die verwendete Grafikengine die schon bei "Geheimakte Tunguska" zum Einsatz kam. Die 2D-Hintergründe gehören grösstenteils einmal mehr zur Kategorie Augenschmaus, während sich die Polygoncharaktere irgendwie nicht so recht ins Geschehen einfügen wollen. Nicht nur sorgt das fehlende Anti-Aliasing für störende Treppeneffekte, sondern die schwache Texturierung fällt ebenso auf - besonders wenn man die Figuren einmal von näherem zu Gesicht bekommt. Hinzu kommen oftmals ein wenig steife Animationen sowie fehlende Lippensynchronität, womit es leider nicht mehr bis aufs Treppchen reicht. Hier hätte eindeutig mehr drinliegen sollen, wie "The Book of Unwritten Tales" bereits eindrucksvoll bewiesen hat.
Die Zwischensequenzen indes sind durchaus nett anzusehen und zeigen auch hier das eine oder andere liebevolle Detail.


Pro
- Sehr einfache Bedienung
- richtiges Abenteuer-Setting à la Indiana Jones
- diverse Länder auf 3 Kontinenten
- hervorragende Vertonung
- Aufmachung wie ein Kinofilm
- zumeist logisch designte Rätsel...


Contra
- ...die jedoch viel zu einfach geraten sind
- für erfahrene Spieler mit einer Spieldauer von 8-10 Stunden viel zu leicht
- teilweise weit ausufernde Gespräche
- etwas merkwürdiges, unbefriedigendes Ende

Fazit
"Lost Horizon" ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite bietet es mehr von dem was wir seit Tunguska so sehr mögen: logische Rätsel vor wunderbar gerenderten Hintergründen. Aber auf der anderen Seite nimmt es sich selber den Spielspass mit zu einfachen Rätseln, langen inhaltsleeren Dialogen sowie einem Helden der hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Fenton Paddock ist einfach kein zweiter Indiana Jones, auch wenn mancher sich das gerne wünschen würde. Er ist nicht so witzig, nicht so vorlaut, nicht so halsbrecherisch und einfach nicht so cool wie der Archäologe mit dem Schlapphut - aber dennoch ein sympathischer Hauptcharakter der prima in seine Rolle passt. Leider wirkt die Story um die Nazis und ein sagenumwobenes Geheimnis ein wenig aufgesetzt und nicht immer spannend, auch wenn die Ansätze durchaus vielversprechend sind und einem Indy-Fan durchaus gefallen können. Insgesamt bleibt das Spiel einfach hinter seinen Möglichkeiten zurück.
Wer das Abenteuersetting mag und noch nicht allzu viele Adventures hinter sich gebracht hat, wird mit "Lost Horizon" bestens unterhalten und wird rund 12 Stunden lang mit Freude Rätseln. Alle anderen die nicht gerade ein Comicadventure suchen und es etwas knackiger mögen, sind mit "Geheimakte Tunguska" oder dem ebenfalls hervorragenden "Black Mirror 2" besser beraten - nicht zuletzt da jene Titel längst zum kleinen Preis erhältlich sind.

Grafik: 84%
Sound: 91%
Steuerung: 93%
Rätsel: 82%
Atmosphäre: 78%
Gesamtwertung: 80%